Manchmal fängt ein Tag im Camper-Leben einfach holprig an. Bevor es heute richtig losgehen konnte, forderte die Technik ihr erstes Opfer: Erst der Finger eingeklemmt, und dann der tägliche Kampf mit der Grauwasserentsorgung. Man muss es einfach ehrlich sagen: Für die Entsorgung von Grauwasser gibt es weltweit x bessere und durchdachtere Lösungen als manche Konstruktionen auf Campingplätzen! Aber gut – Ärmel hochkrempeln und ab auf die Straße.
Abenteuerliche Bergstraßen durch die Inachori-Dörfer & die Ausläufer der Lefka Ori
Die Route führte uns heute durch die wilden, gebirgigen Regionen im äußersten Südwesten Kretas im Regionalbezirk Chania. Auf dem Weg von der Südküste Richtung Nordwesten durchqueren wir die traditionelle Region Inachori (Enneachora / „die neun Dörfer“) sowie die westlichen Ausläufer der Lefka Ori (Weißen Berge). Über spektakuläre Serpentinen schlängelt man sich vorbei an den Kastaniendörfern rund um Elos, Kefali und Vathi sowie durch die eindrucksvolle Topolia-Schlucht.
Die Straßen hier sind eng, kurvig und haben ihren ganz eigenen Charakter. Wer glaubt, in Südeuropa auf perfekten Autobahnen zu gleiten, wird schnell eines Besserung belehrt: Entlang des Weges blockieren nicht selten umgefallene Bäume, die offensichtlich schon seit Wochen oder Monaten dort liegen, die halbe Fahrbahn. Ein paar Schrammen oder Kratzer vom Buschwerk gehören da am Kastenwagen einfach dazu. Ganz klares Fazit: Wer mit einem Kratzer im Lack ein emotionales Problem hat, darf solche Länder schlichtweg nicht bereisen!
























Botanische Entdeckungen am Wegesrand: Erdbeerbäume & Erika
Unterwegs in der dicht bewachsenen kretischen Macchia der Inachori-Region lohnt sich immer wieder ein genauer Blick an den Wegesrand:
- Die sogenannten Erdbeerbäume (Arbutus unedo): Diese markanten Sträucher bzw. kleinen Bäume verdanken ihren Namen den auffälligen, mehligen Früchten, die optisch an Erdbeeren erinnern. Sie reifen erst im späten Herbst rot aus – genau zu der Zeit, wenn der Baum gleichzeitig wieder neue, weiße Blüten glockenförmig austrägt. Die Früchte sind zwar essbar, haben aber ein eher verhaltenes Aroma. In Griechenland und auf Kreta verarbeitet man sie gerne zu Marmelade oder brennt daraus den traditionellen Trester-Schnaps Katsikia.
- Erika-Pflanzen (Erica manipuliflora / Herbst-Heidekraut): Das kretische Heidekraut ist die Lebensader der späten Imkerei auf der Insel. Wenn der sommerliche Thymian verblüht ist, bietet die rosa-violett blühende Erika im Herbst den Bienen die reichhaltigste Nektarquelle. Der daraus gewonnene Erika-Honig (Pefkothymarokouro) ist dunkel, malzig, extrem mineralstoffreich und unter Kennern als Heil- und Genusshonig heiß begehrt. Das extrem harte Wurzelholz der Baum-Heide (Erica arborea) hat zudem eine historische Nutzung: Es ist als Bruyère-Holz weltweit der Rohstoff Nummer eins für die Herstellung hochwertiger Tabakpfeifen.
Elafonissi: Spektakulär, aber maßlos überschätzt?
Über die Südwestküste ging die Fahrt an die äußerste Landspitze nach Elafonissi. Der Besuch des berühmten Lagunenstrandes hinterlässt gemischte Gefühle: Der Strand und das türkisblaue Wasser sind Landschaftskunstwerke der Natur, wurden von uns jedoch bezüglich des Andrangs maßlos unterschätzt. Die Massen an Tagestouristen und die strammen Parkgebühren (es gibt ausschließlich Tagestickets) trüben das Paradies-Feeling deutlich. Ein kleiner Lichtblick: Der Parkwächter war ausgesprochen freundlich und wies uns direkt darauf hin, dass man mit dem Camper gerne auch über Nacht auf dem Parkplatz stehen bleiben dürfe.
- Woher stammt der rosa-rote Sand? Das farbenfrohe Naturphänomen an den Wasserlinien entsteht nicht durch Korallen, sondern durch mikroskopisch kleine Einzeller: sogenannte Foraminiferen (Miniacina miniacea). Diese winzigen Gehäusetiere leben auf dem Meeresboden und an Seegraswiesen in rötlichen Kalkschalen. Sterben sie ab, werden ihre Schalen an den Strand geschwemmt, durch die Brandung zu feinstem Pigment gemahlen und vermischen sich mit dem weißen Muschelsand zu dem berühmten rosa Schimmer.
Geologisches Highlight kurz vor dem Ziel: Die Komolithi von Potamida
Nur wenige Kilometer vor dem Hafen von Kissamos wartet bei Potamida eine völlig surreal anmutende Kulisse: die Komolithi. Diese bizarren, kegelförmigen Tonmergel-Pyramiden erinnern an eine Miniatur-Mondlandschaft oder ein kretisches Cappadocia. Über Millionen Jahre hat das Wasser die weichen Meeressedimente zu spitz zulaufenden Erdpyramiden geformt, auf deren Kuppen wie kleine Mützen grüne Büsche thronen. Ein wunderbarer, unkomplizierter Fotostopp direkt an der Strecke!
Das Rätsel der durchsiebten Ortstafeln
Wer durch die Bergdörfer von Inachori und Kissamos fährt, dem fällt sofort auf: Kaum ein Ortsschild oder Verkehrsschild ist heil. Viele sind regelrecht von Schrotkugeln durchsiebt oder von Großkalibern durchlöchert. Der Hintergrund liegt in der tief verwurzelten kretischen Waffenkultur und Tradition:
- Waffen besitzen auf Kreta (speziell in den kretischen Bergen) eine lange Geschichte des Widerstands gegen Besatzer (Venezianer, Osmanen, deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg).
- Bei Hochzeiten, Taufen und Dorffesten ist das Abfeuern von Freudenschüssen (Baltharia) Tradition.
- Wenn nach Feiern oder Jagdausflügen noch Munition übrig ist – oder junge Männer ihre Treffsicherheit testen wollen –, dienen abgelegene Ortstafeln und Verkehrsschilder schlicht als praktische und geduldige Zielscheibe. Es ist weniger Vandalismus gegen die Straßenverwaltung als vielmehr ein archaisches Ritual ländlicher Waffennarrheit.
Tagesziel & Nächtigungsplatz
Nach dem Trubel in Elafonissi führte der Weg nordwärts entlang der Westküste und über die Halbinsel-Ausläufer der Gramvousa-Region an die Bucht von Kissamos (Kastelli Kissamos). Unser heutiges Etappenziel und der Nächtigungsplatz für die Nacht: Der Hafen von Kissamos. Hier stehen wir direkt am Kai, genießen die Ruhe am Meer und warten entspannt auf die Fähre am frühen Morgen.

Und wieder habe ich durch einen hochinteressanten Bericht und wunderschöne Fotos einen mir vollkommen unbekannten Teil Griechenlands kennengelernt, vielen Dank
P.S. Der Finger schmerzt hoffentlich nicht mehr
Vielen Dank für deine liebe Rückmeldung! Es freut uns riesig, dass wir dich wieder in einen neuen, unbekannten Winkel Griechenlands mitnehmen konnten. 🤗
Und keine Sorge: Dem Finger geht es zum Glück schon wieder bestens – bereit für die nächsten Etappen! 😊👍